Abenteuer Fahrrad - Auf zwei Rädern ins Auslandssemester
Über 1.800 Kilometer mit dem Fahrrad ins Auslandssemester: Zwei KIT-Masterstudierende entscheiden sich bewusst gegen das Flugzeug und für eine nachhaltige Anreise quer durch Europa. Ihre Reisen nach Island und Schweden zeigen, wie Mobilität, Abenteuer und Nachhaltigkeit zusammengehen – und was man unterwegs über sich selbst lernt. Maylin Özbilgic hat mit ihnen gesprochen.
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Wenn man an ein Auslandssemester denkt, hat man oft Flugbuchungen, Kofferstress und Flughafensicherheit vor Augen. Nicht so Julian und Arnd. Die beiden Masterstudierenden des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) entschieden sich unabhängig voneinander für eine ungewöhnliche, aber nachhaltige Anreise: mit dem Fahrrad jeweils über 1.800 Kilometer durch Europa.
Das International Students Office des KIT hat für Studierende, die mit dem Rad anreisen möchten, die „Green Challenge“ ins Leben gerufen. Was für beide als persönliche Herausforderung begann, wurde ganz nebenbei auch ein Beitrag zu dieser Challenge.
„Ich bin einfach losgefahren“ - Julians Weg nach Island
Julian, der Elektro- und Informationstechnik studiert, wusste zunächst gar nichts von der GreenChallenge, als er sich auf den Weg nach Island machte. „Ich hatte schon einige Fahrradreisen hinter mir“, erzählt er. Direkt nach den Prüfungen startete der 24-jährige mit dem Zug nach Hamburg, von dort aus weiter per Rad durch Dänemark zur Fähre nach Island und schließlich quer durchs isländische Hochland. Insgesamt war er 17 Tage unterwegs: 12 Tage auf dem Rad, 2 auf der Fähre, 3 für Pausen.
Die offizielle Rückmeldung zur GreenChallenge kam erst später per E-Mail mit der Antwort: „Schön, dass Sie teilgenommen haben.“
„Es war eine rationale Entscheidung“ - Arnd radelt nach Schweden und wieder zurück
Das Ziel vom 24-jährigen Arnd: Die KTH in Stockholm, um dort „Funktionaler und konstruktiver Ingenieurbau“ zu studieren. „Ich bin sehr offen für andere Kulturen, und da ich noch nie in Dänemark oder Schweden war, bot sich die Gelegenheit“, sagt er. Der Blick auf Google Maps, die Fährverbindungen und Abenteuerlust gaben den Ausschlag für die elftägige 1800 km lange Anreise vom KIT nach Schweden.
Die 2450 km lange Rückfahrt nach abgeschlossenem Auslandsjahr durch das Baltikum, Polen und Tschechien bis nach Karlsruhe unternahm der gebürtige Heidelberger mit einem Freund. Ein Kontrast zur Solo-Hinfahrt und ein echtes Freundschaftsprojekt: „Wir haben Herausforderungen zusammen gemeistert und unsere gute Laune auch bei wenig Komfort behalten. So lernt man sich nochmal ganz anders kennen.“
Inspiration aus dem Elternhaus und Widrigkeiten der Reise
Die Masterstudenten, Arnd und Julian, bringen unterschiedliche Motivationen mit. Julian wollte bewusst aufs Fliegen verzichten - seine letzte Flugreise war 2018. Arnd wiederum wurde durch seine Familie geprägt: „Meine Eltern hatten früher Fahrradurlaube gemacht und davon geschwärmt.“ Seine erste eigene Tour führte ihn mit einem klapprigen Bahnhofsrad zu seiner Oma ins Saarland - ohne Navi, nur mit einem Zettel, auf dem alle zu durchfahrende Orte notiert waren. Rückblickend meint er: „Gerade am Anfang ist es gut, wenn nicht alles perfekt läuft.“
Trotz Erfahrung war die Reise für beide kein Selbstläufer. Julian erinnert sich besonders an seine Ankunft in Island, bei „dem schlechtesten Wetter des Sommers“: Regen, Nebel, tiefhängende Wolken. „Ich kam aus Dänemark mit Sonne und auf einmal war alles grau.“ Das Tief hielt eine Woche an. Auch ein schmerzendes Fußgelenk brachte ihn aber nicht vom Kurs ab: „Man muss halt eine Lösung finden. Aufgeben ist keine Option.“
Arnd kämpfte mit langen Etappen: „Die letzten drei Tage mit jeweils 200 Kilometern haben viel Kraft gekostet. Ich habe auf dem Hinweg sechs Kilo abgenommen.“ Auch auf der dreiwöchigen Rückfahrt forderte das Wetter ihm Einiges ab - Regen und Gegenwind zerrten an den Nerven. Was half? „Nicht zu viel nachdenken, einfach weiterfahren und sich auf das Abendessen freuen.“
Begegnungen unterwegs - kurz, aber prägend
Bei all den Erfahrungen bleiben ein paar Highlights besonders in Erinnerung. Für Julian war das eine zufällige Begegnung mit einem französischen Radfahrer: „Wir haben einen lustigen Tag zusammen im Camp verbracht, weil das Wetter zu schlecht zum Weiterfahren war. Wir konnten uns sehr viel austauschen was unsere Reisen und Erfahrungen angeht.“
Arnd erlebte gleich mehrere Momente, die ihm im Gedächtnis blieben. In Lübeck sprach er mit einem älteren Herrn am Backfischstand über dessen bewegte Lebensgeschichte. Auf dem Rückweg folgte ihm ein streunender Hund kilometerweit, bevor sich ihre Wege nach Teilung des Proviants wieder trennten.
Ausfälle, Herausforderungen und Erkenntnisse
Julian hatte Glück - keine Pannen, keine Ausfälle. Bei Arnd sah es anders aus: Ein knackendes Tretlager begleitete ihn über viele Tage. Das Ersatzteil kam zwar an eine Packstation an der deutsch-dänischen Grenze, aber zu spät. „Nach zwei Wartetagen bin ich einfach mit dem Knacken weitergefahren.“ Auf der Rückfahrt legte ein Wasserschaden das Handy lahm. Drei Wochen Digital-Detox, „was der Reise im Nachhinein sogar gutgetan hat.“
Beide sind sich einig: Nicht die körperliche Belastung war das Schwierigste, sondern die mentale Ausdauer. Bei Regen das Zelt abbauen, weiterradeln trotz Frust, allein sein. Musik, Gespräche mit Anderen, kleine Routinen - das half.
Was Julian bei vorherigen Reisen gelernt hat, konnte er hier direkt umsetzen: Probleme pragmatisch lösen. Auch Arnd sieht es so und betont: „Man lernt, dass alles irgendwie klappt - nur selten wie geplant.“ Und weiter: „Je weniger man hat, desto leichter fährt es sich - sinnbildlich fürs Leben.“
Neue Perspektiven auf Mobilität und Konsum
Beide ziehen ähnliche Schlüsse: Nachhaltiges Reisen ist möglich, aber aufwendig. „Ich habe niemanden getroffen, der ohne Flug nach Island kam“, sagt Julian. Arnd, selbst begeisterter Radfahrer, hat eine neue Perspektive gewonnen: „Wie wenig man wirklich braucht und wie viel Alltagsluxus man oft gar nicht mehr wahrnimmt.“ Julian erklärt heute: „Wenn der Aufwand kleiner wäre, würden das bestimmt viel mehr Leute machen.“ Auch für zukünftige Reisen haben er und seine Freundin schon eine Kombination aus Zug und Rad geplant - ein Kompromiss, aber ein bewusster.
Arnd meint rückblickend: „Mit jedem Tag kommt man weiter. Und jeder Tag ist eine Gelegenheit, Neues zu lernen. Über sich selbst, andere Menschen und das Leben unterwegs.“
Beide zeigen: Man muss kein Aktivist sein, um nachhaltig zu handeln. Manchmal reicht eine mutige Entscheidung oder einfach die Lust auf ein Abenteuer, das mehr verändert, als man vorherahnt.
🎥 Julians Reise kann man auf seinem YouTube-Kanal nachverfolgen, unter dem Titel: A Tour of Ice and Fire.
📸 Zu Arnds Reisen gibt es auf seinem Instagramkanal (arnd.hanisch) Kurzvideos.
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(Karlsruhe, Dezember 2025)
